Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien

1. Lesben- und Schwulenverband Österreichs

Buchpräsentation im HOSI-Zentrum: „Carl Værnet – Der dänische SS-Arzt im KZ Buchenwald“

Zum Thema sprachen Wolfgang Neugebauer (re), wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW), Gudrun Hauer, Politikwissenschaftlerin, und Kurt Krickler, der Übersetzer des Buches.

Im Rahmen ihrer Aktivitäten zum 25-jährigen Bestehen sowie als Vorgriff auf die 60-Jahr-Feiern zur Befreiung vom Nationalsozialismus hat sich die HOSI Wien für ihren Verlag Edition Regenbogen die deutschen Rechte an der 2002 in Dänemark erschienenen Biographie über den dänischen SS-Arzt Carl Værnet gesichert.

Værnet hatte im KZ Buchenwald medizinische Versuche an Homosexuellen durchgeführt, um sie von ihrer Homosexualität zu heilen. Bei Kriegsende wurde er zwar sofort verhaftet, aber später gelang es ihm, sich nach Argentinien abzusetzen, wo er bis zu seinem Tod 1965 unbehelligt leben konnte.

In einer beispiellosen Pervertierung medizinischen Handelns wurden in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zahlreiche pseudowissenschaftliche, nicht selten tödlich verlaufende Experimente an Häftlingen vorgenommen. Auch Værnets Versuche zählten dazu. Der 1893 als Bauernsohn in Jütland geborene Arzt und SS-Sturmbannführer implantierte im KZ Buchenwald Häftlingen eine von ihm entwickelte „künstliche Drüse“. Diese sollte durch kontinuierliche Abgabe männlicher Hormone an den Organismus die homosexuellen Häftlinge zur Heterosexualität „umstimmen“. Mindestens zwei Gefangene starben an den Folgen des Eingriffs.

Værnet entzog sich auf abenteuerliche Weise seiner sicheren Verurteilung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Für seine Untaten wurde er nie zur Rechenschaft gezogen. Erst 1998, als der britische Schwulenaktivist Peter Tatchell von der dänischen Regierung Aufklärung über die näheren Umstände von Værnets Flucht und dessen weiteres Schicksal verlangte, kamen Værnets Experimente wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Die LAMBDA-Nachrichten widmeten der Causa ihre Titelgeschichte in der Ausgabe 1/2000 (S. 33-42).

In Dänemark machten sich vier Journalisten daran, Værnets Lebensgeschichte nachzugehen. Aufgrund umfangreicher Recherchen und anhand zum Teil zuvor nicht zugänglich gewesener Archivmaterialien sowie Interviews mit drei von Værnets Kindern und mit einer überlebenden Versuchsperson ist es Hans Davidsen-Nielsen, Niels Høiby, Niels-Birger Danielsen und Jakob Rubin gelungen, eine NS-Biographie, die einmal mehr das Prädikat „Banalität des Bösen“ verdient, auf spannende Weise nachzuzeichnen. Wie viele andere Nazi-Ärzte war auch Værnet ein ganz gewöhnlicher „Biedermann“, der – von unstillbarem Sendungsbewusstsein getrieben und von seinen pseudowissenschaftlichen Ideen überzeugt – bereit war, alles zu tun, diesen zum Durchbruch zu verhelfen.

Die vier Autoren geben aber auch umfassende Einblicke nicht nur in das Funktionieren der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie, sondern auch in die außerhalb Dänemarks wenig bekannte, aber dennoch äußerst interessante Situation dieses kleinen Landes während der deutschen Besatzungsjahre 1940-45 und in deren Aufarbeitung nach der Befreiung.

Für dieses Buchprojekt hat die HOSI Wien finanzielle Unterstützung vom dänischen Kulturministerium (Kunstrådets fagudvalg for litteratur), vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus sowie vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Wien erhalten.


Bestellinformation

Hans Davidsen-Nielsen, Niels Høiby, Niels-Birger Danielsen, Jakob Rubin: „Carl Værnet – Der dänische SS-Arzt im KZ Buchenwald“.
Aus dem Dänischen von Kurt Krickler. Mit einem Vorwort von Günter Grau und einem ergänzenden Kapitel über Eugen Steinach von Florian Mildenberger. Edition Regenbogen, Wien 2004. 327 Seiten. € 19,90.
ISBN 3-9500507-2-8.

Bestellungen – am besten per E-Mail – an: HOSI Wien, Novaragasse 40, 1020 Wien, Tel./Fax: (01) 216 66 04; office@hosiwien.at.

| Keine Kommentare
Kategorien: Aktuell | Permalink


Schreibe einen Kommentar