Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien

1. Lesben- und Schwulenverband Österreichs

Pierre Seel 1923-2005

Pierre Seel bei einer Veranstaltung im HOSI-Zentrum im Juni 1996 (Foto: Felix Görner)

Pierre Seel, einer der letzten Zeitzeugen der Verfolgung Homosexueller durch die Nazis, ist in der Nacht vom 24. auf den 25. November 2005 im 83. Lebensjahr in Toulouse nach langer schwerer Krankheit gestorben.

Im deutschsprachigen Raum wurde Seel durch seine 1996 in deutscher Übersetzung erschienene Autobiographie aus 1994 (Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen) und vor allem durch den US-Dokumentarfilm Paragraph 175 aus 2000 einem größeren Publikum bekannt.

Schon früh hatte die HOSI Wien das Privileg, Pierre Seel kennenzulernen, denn seine erste Reise nach dem Krieg in ein Land, in dem Deutsch gesprochen wurde, führte ihn im Juni 1996 nach Österreich. Seel wollte unbedingt den Gedenkstein für die homosexuellen NS-Opfer im ehemaligen KZ Mauthausen sehen.

Fünf Jahre später nahm Pierre Seel die Strapazen der langen Zugreise von Toulouse nach Wien abermals auf sich, um auf einer Podiumsdiskussion in der Wiener Secession zu sprechen, denn beim identities-Queer-Filmfestival im Rahmen von EuroPride 2001 hatte Paragraph 175 seine Österreich-Premiere.

Seine Autobiografie – Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen. Aus dem Französischen von Miriam Magall. Jackwerth-Verlag, Köln 1996 – ist absolut lesenswert. Darin schildert er nicht nur seine KZ-Haft, aus der er im November 1941 entlassen wurde, sondern auch die anschließenden Jahre, in denen er als Elsässer zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht zwangsverpflichtet war. Seel überlebte auch die Ostfront und sowjetische Gefangennahme. Es sind beklemmende und unglaubliche Erlebnisse, die er berichtet:

1923 geboren, ist er 17 Jahre alt, als er unwissentlich einen Fehler begeht, der sich äußerst negativ auf sein ganzes Leben auswirken sollte. Der Bürgersohn ist sich bereits bewusst, homosexuell zu sein, und hat auch bereits herausgefunden, wo man in seiner Heimatstadt, dem elsässischen Mulhouse (Mülhausen), andere Schwule kennenlernen kann: in der öffentlichen Toilette am square Steinbach. Als ihm eines Tages dort eine Uhr gestohlen wird, geht er in seiner jugendlichen Naivität zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Diese wird auch aufgenommen, aber der Beamte befragt den Jungen misstrauisch, was er denn dort gemacht habe. Pierre lässt sich einschüchtern und gibt es offen zu, aber homosexuelle Handlungen sind ja in Frankreich seit 1792 nicht mehr strafbar.

Erst 1942 führte die Vichy-Regierung Sonderbestimmungen gegen Homosexuelle ein: Das Mindestalter, bis dahin einheitlich 13 Jahre, wurde für Schwule auf 21 Jahre hinaufgesetzt. Diese Bestimmung überlebte bezeichnenderweise nach dem Krieg als § 331, Abs. 3 die Säuberung des französischen Strafrechts von antisemitischen und anderen NS-Einflüssen aus der Zeit der Kollaboration. Unter De Gaulle wurde 1962, als man die Homosexualität zur „sozialen Geißel“ erklärte, der Strafrahmen für dieses Delikt sogar verdoppelt. 1978 wurde das „Schutzalter“ für Schwule auf 18 Jahre gesenkt, und erst 1981/82, in der ersten Amtszeit François Mitterrands, wurde diese Sonderbestimmung des Vichy-Regimes ersatzlos gestrichen und damit das homosexuelle Mindestalter der 1945 auf 15 Jahre hinaufgesetzten Altersgrenze für heterosexuelle Beziehungen angeglichen. Hier hat sich leider in der deutschen Ausgabe im Nachwort von Mario Kramp ein Fehler eingeschlichen – er schreibt (entgegen der Darstellung im französischen Original, S. 190), das Vichy-Regime hätte 1942 ein Totalverbot homosexueller Handlungen, also auch unter zustimmenden Erwachsenen, eingeführt.

Von den Hunden der SS zerfleischt

Durch die von ihm selbst unterschriebene Anzeige landet Pierre Seel 1939 in der Schwulenkartei der französischen Polizei. Als die Deutschen ein Jahr später das Elsass besetzen, beginnen sie auch, die französischen Akten aufzuarbeiten. 1941 wird Pierre schließlich seine Anzeige zum Verhängnis. Mit anderen Homosexuellen wird er im Mai verhaftet und im Gefängnis von Mülhausen eingesperrt. Nicht lange, denn sie werden bald ins provisorische Lager Schirmeck deportiert (damals auch „Vorbruck“ genannt, ein Ort, den man auf keiner neuen Landkarte mehr findet – es handelt sich um die Verdeutschung des in der Nähe gelegenen Ortes La Broque). Ihre Arbeit wird darin bestehen, ein „richtiges“ KZ – inklusive Krematorium – zu errichten: Natzwiller-Struthof.

Im Lager Schirmeck bleibt Pierre nichts erspart, wobei die klassische Musik, die Lagerkommandant Karl Buck den ganzen Tag über Lautsprecher spielen lässt, noch eines der geringeren Übel ist. Dennoch versteht man Pierre, wenn er berichtet, dass er später jahrzehntelang keine Musik von Wagner, Beethoven und Bach ertragen konnte. Hunger, Schläge, Folter, Erniedrigung, Krankheit und Schmutz bestimmen den Alltag. Das schlimmste Ereignis, das ihn auch zu „diesem gehorsamen und schweigsamen Schatten“ im Lager werden lässt, passiert bereits in den ersten Wochen der Gefangenschaft: Eines Tages lässt der Lagerkommandant alle Gefangenen auf dem Appellplatz antreten, zwei SS-Männer schleppen einen jungen Burschen herbei, ziehen ihn nackt aus und stülpen ihm einen Blecheimer über den Kopf. Pierre erkennt seinen 18-jährigen Freund Jo, den er zuvor im Lager noch nicht gesehen hat. Ist er vor oder nach ihm eingeliefert worden? Die SSler hetzen schließlich ihre Schäferhunde auf Jo, die ihn vor den Augen Pierres und aller anderen Gefangenen zerfleischen und auffressen. Ein Alptraum, der Pierre sein ganzes Leben immer wieder nachts aufschrecken lässt…

Nach einem halben Jahr, im November 1941, wird Pierre entlassen – Buck schärft ihm ein, dass er postwendend zurückkäme, sollte er irgend jemand über das, was er in Schirmeck gesehen und erlebt hat, erzählen. Er kehrt zurück zu seiner Familie nach Mülhausen. Keiner fragt, wo er die sechs Monate gewesen ist oder gar, ob es stimme, dass er wegen Homosexualität eingesperrt wurde. Er schweigt ebenfalls, auch aus Scham. Sein Schweigen sollte genau vierzig Jahre dauern…

Vom KZ zum Arbeitsdienst

Pierres Leidensgeschichte ist damit aber keineswegs zu Ende. Im Frühjahr 1942 wird er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, im Zuge dessen er auch nach Wien verfrachtet wird. Der RAD dient zur Vorbereitung auf den Militärdienst. Die Elsass-Lothringer werden ab August 1942 zur Wehrmacht eingezogen, so auch Pierre. Im Oktober 1942 geht es in deutscher Uniform an die Front, zuerst nach Kroatien, um gegen Titos Partisanen zu kämpfen, später nach Berlin, Pommern, dann wieder auf den Balkan, wo er in den Zügen zwischen Belgrad und Saloniki als Geldwechsler der Reichsbank den auf Heimaturlaub fahrenden oder von dort zurückkommenden Soldaten Drachmen in Mark und umgekehrt tauscht. Gegen Kriegsende, in der zweiten Hälfte des Jahres 1944, werden noch neue Kompanien zusammengestellt, Pierre kommt an die Ostfront, an die Weichsel. Er gerät in russische Gefangenschaft, hat aber vorher die Wehrmachtsuniform loswerden können und gibt sich als entkommener französischer Lagerhäftling aus. Die Russen nehmen ihn mit. Als einer ihrer Kommandanten erschossen wird, sollen Verdächtige zur Abschreckung hingerichtet werden. Pierre ist ebenfalls unter ihnen. Aber Pierre, der das KZ, die Front, die Bombenangriffe, die Gefangennahme durch die Russen überlebt hat, stirbt auch nicht durch die Kugeln in einer Vergeltungs- und Strafaktion der Sowjetpartisanen. In letzter Sekunde gelingt es ihm, dem Erschießungstod zu entrinnen: Mit dem Mut der Verzweiflung singt er die Internationale. Es ist bereits 1945.

Später wird er nach Odessa verlegt und den westlichen Alliierten übergeben. Auch hier entgeht er noch einmal dem Tod. Im letzten Moment muss er seinen Platz auf dem Schiff, das ihn nach Marseille repatriieren soll, Frauen überlassen. Das Schiff fährt später in den Dardanellen auf eine Mine auf, keiner wird gerettet. Pierre kehrt in Viehwaggons auf dem Landweg über Rumänien, Polen und Deutschland – erst im August 1945 – nach Frankreich zurück, wo er seine Familie überrascht, die glaubt, er sei mit dem Schiff untergegangen und tot. Aber auch jetzt muss er noch Angst haben: Speziell die zurückkehrenden Elsässer und Lothringer werden von der neuen französischen Verwaltung genau unter die Lupe genommen, um zu verhindern, dass Kollaborateure oder gar mit einer falschen Identität ausgestattete Deutsche durchs Netz gehen.

Jahre der Scham

Nach diesen ereignisreichen Jahren der politischen Wirrnisse kommen die „Jahre der Scham“, wie sie Pierre in seinem Buch nennt. Das 1941 nach seiner Rückkehr aus Schirmeck von seinem Vater stillschweigend verhängte Verbot, über diesen Lageraufenthalt in der Familie zu sprechen, wird auch nach dem Krieg eingehalten. Pierre stellt auch keinen Antrag auf Entschädigung, weil der einzige Grund, warum er inhaftiert und an die Front zwangsverpflichtet wurde, seine Homosexualität war. Nicht zuletzt durch diesen Druck der Familie zwingt sich Pierre in ein „normales heterosexuelles“ Leben: Er heiratet, setzt drei Kinder in die Welt und unterdrückt seine Homosexualität so gut es geht.

Im Mai 1981, Pierre ist 58, besucht er in Toulouse, wo er sich 1968 mit seiner Familie niedergelassen hat, eine Diskussion über die Deportation und Verfolgung Homosexueller in der Nazi-Zeit. Organisiert wird die Veranstaltung von der französischen Schwulenzeitschrift Masques, die gerade in ihrem Verlag die französische Übersetzung von Heinz Hegers Die Männer mit dem rosa Winkel aus 1972 herausgegeben hat. Als aus dem Buch vorgelesen wird, wird es Pierre ziemlich mulmig, er erkennt sich darin wieder. Gerne würde er hinausschreien „Das habe ich auch durchgemacht!“, aber er hält sich zurück. Erst nach der Veranstaltung spricht er einen Mitarbeiter von Masques, Jean-Pierre Joecker, an und gibt sich als homosexueller Deportierter zu erkennen. Dieser drängt Pierre, er müsse der Öffentlichkeit darüber erzählen, vergeblich hätten sie bisher einen Überlebenden der Deportation Homosexueller aus dem Elsass gesucht. Ich werde Sie nicht mehr auslassen, droht Joecker – und das tut er auch. Pierre gibt Masques sein erstes – allerdings noch anonymes – Interview für das Sonderheft über Martin Shermans Theaterstück Bent – Rosa Winkel.

Der Auslöser dafür, dass Pierre sein fast 40 Jahre dauerndes Schweigen über seine KZ-Haft vorerst anonym bricht, hatte also einen indirekten Österreich-Bezug. Bei dem Buch Die Männer mit dem rosa Winkel handelt es sich nämlich um den Bericht des Rosa-Winkel-Häftlings Josef Kohout aus Wien über seine sechs Haftjahre in verschiedenen KZ-Lagern. Aufgezeichnet wurden Kohouts Erzählungen von dessen Bekannten Hans Neumann, der das Buch jedoch unter dem Pseudonym Heinz Heger veröffentlichte.

Coming-out

Der Auslöser für Pierre, dann auch mit seinem Namen öffentlich herauszukommen und seine Geschichte nach so langer Zeit zu erzählen, ist dann eine Affäre um den Straßburger Bischof Léon-Arthur Elchinger im April 1982, an die sich HOSI-Wien-Veteranen noch gut erinnern können: Elchinger hatte veranlasst, dass die im April in Straßburg stattfindende IGA-Europatagung aus dem bereits angemieteten „Heim des jungen christlichen Arbeiters“ vier Tage vor Beginn „aus sittlichen Gründen“ ausquartiert wurde. Der Bischof hatte außerdem erklärt: Ich betrachte Homosexualität als Krankheit. Ich respektiere die Homosexuellen, wie ich die Kranken respektiere. Aber wenn sie ihre Krankheit in Gesundheit verwandeln wollen, dann kann ich nicht mehr zustimmen. Diese Aussage macht Pierre so wütend, dass er nicht nur dem Bischof einen offenen Brief schreibt, sondern beschließt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Damit verbunden ist allerdings auch, seiner Frau und seinen Kindern die Wahrheit zu sagen. Sie reicht die Scheidung ein.

Ab nun widmet sich Pierre praktisch bis zu seinem Tod dem politischen Kampf um die Anerkennung der wegen ihrer Homosexualität Deportierten. Er tritt auch in den Medien und bei Veranstaltungen als Zeitzeuge auf, um über die NS-Verfolgung der Homosexuellen aufzuklären. Im besetzten Frankreich, wo – wie erwähnt – homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen auch unter der Vichy-Regierung nicht verboten wurden, betraf die Deportation wegen Homosexualität in erster Linie Bewohner von Elsass-Lothringen, das ja „wieder heim ins Reich geholt worden war“ und von den Nazis als deutsches Territorium betrachtet wurde.

Der Kampf um Rehabilitierung ist auch in Frankreich ein langer und keineswegs einfacher. Mit seinem ersten Versuch, als Deportierter anerkannt und entschädigt zu werden, scheitert Pierre noch. Als er den Grund Homosexualität nennt, wird er von der zuständigen Behörde weggeschickt.

1989 kehrt Pierre auch nach Schirmeck zurück und wird traurig und wütend: Das Lager ist einer Siedlung mit netten Einfamilienhäusern gewichen – außer einer Gedenktafel erinnert nichts mehr an diesen Ort des Schreckens, an dem sein Freund Jo von den Hunden der SS zerfleischt wurde. In Struthof sind noch einige Baracken als Mahnmal erhalten, auch das Krematorium, an dem er mitbauen musste, und der Rauchfang. Andere Gebäude des KZ, wie der berühmte „Festsaal“, sind abgerissen worden. Heute ist das ehemalige KZ eine Gedenkstätte. Es war Pierres großer Wunsch, dort einen ähnlichen Gedenkstein für die homosexuellen NS-Opfer wie in Mauthausen angebracht zu sehen, aber leider sind die diesbezüglichen Bemühungen offenbar im Sand verlaufen, und so hat er die Anbringung eines solchen Gedenksteins nicht erlebt.

In seinem Buch beklagt Pierre auch den Umstand, dass der Lagerkommandant und Massenmörder Karl Buck nach einigen hingepfuschten Prozessen sein Leben nach 25 angenehmen Pensionsjahren auf seinem luxuriösen Anwesen in Rudesberg bei Stuttgart 1977 als 80-jähriger friedlich beenden durfte.

Pierre berichtet auch über die unerfreulichen Zwischenfälle, die die französische Schwulenbewegung bei offiziellen Gedenkfeiern für die Deportierten und Opfer des Nazi-Regimes erlebten. Die Schwulen wurden von Vertretern der Deportiertenverbände beschimpft und daran gehindert, ihre Kränze bei diversen Denkmälern niederzulegen. In Besançon riefen 1989 Teilnehmer einer Gedenkfeier den Schwulen, die ebenfalls einen Kranz niederlegen wollten, zu: In den Ofen mit den Schwulen! Für euch müsste man die Öfen wieder in Betrieb nehmen!

Anerkennung und Entschädigung durchgesetzt

Anfang der 90er Jahre nimmt Pierre seinen Kampf um die Anerkennung als Verfolgter und Deportierter des Nazi-Regimes wieder auf. Der Bürgermeister von Mülhausen stellte 1990 in der Nationalversammlung eine diesbezügliche schriftliche Anfrage an den für die anciens combattants et victimes de guerre (Widerstandskämpfer und Kriegsopfer) zuständigen Staatssekretär. Dieser erklärte, dass selbstverständlich auch die homosexuellen Opfer der Deportation in den Genuss der für die aus politischen Gründen Deportierten gesetzlich vorgesehenen Entschädigungsleistungen kommen können, falls sie die vorgeschriebenen Voraussetzungen erfüllten. Während die politischen Deportierten es gleich nach dem Krieg leicht hatten, die erforderlichen Augenzeugen und Dokumente für ihre Verfolgung beizubringen, ist es für Pierre ein „kafkaeskes“ Unterfangen, wie er im Buch schreibt, diese Voraussetzungen 45 Jahre nach Kriegsende zu erfüllen. Vier Jahre sollte es noch dauern, bis er die Amtswege erfolgreich abschließen kann. 1994, erst einige Monate nach dem Erscheinen seines Buches in Frankreich, wird er als Deportierter offiziell anerkannt.

Seine Geschichte hat Pierre Seel gemeinsam mit Jean Le Bitoux, einem Redakteur und Mitarbeiter von Gai pied hebdo, der großen französischen schwulen Wochenzeitung, die leider nicht mehr existiert, niedergeschrieben. Es ist ein beklemmender Zeitzeugenbericht, den jeder Schwule – und auch jede Lesbe – aus den nachfolgenden Generationen lesen sollte, um sein/ihr Bewusstsein für das zu schärfen, was mit Homosexuellen früher passiert ist und vielleicht heute oder in Zukunft, da viele lesbisches Selbstbewusstsein und schwule Emanzipationals selbstverständlich erachten, möglicherweise in anderer Form wieder geschehen könnte.

Pierre Seel in Österreich

1996 fasste Pierre Seel den Entschluss, Wien und Mauthausen einen privaten Besuch abzustatten. Am 24. Juni begleiteten Felix Görner und Kurt Krickler Pierre Seel zum ehemaligen KZ Mauthausen, denn Pierre wollte, wie erwähnt, unbedingt den ersten Gedenkstein für die homosexuellen NS-Opfer sehen, den die Homosexuellen Initiativen Österreichs 1984 dort anbringen ließen. Es war für Pierre ganz offenkundig kein leichter Besuch, aber er war schließlich sehr froh darüber.

Als Pierre erfuhr, dass jener Mann, dessen Bericht über seine Rosa-Winkel-Haft unter dem Pseudonym Heinz Heger erschienen sind, 1994 in Wien verstorben ist und hier begraben liegt, wollte er aus Dankbarkeit gegenüber „Heinz Heger“ unbedingt das Grab aufsuchen. Immerhin war die Präsentation der französischen Übersetzung von Hegers Die Männer mit dem rosa Winkel in Toulouse 1981 ja der eigentliche Auslöser für Pierres eigenes Coming-out als Schwuler und als NS-Opfer. Am nächsten Tag besuchte er dann das Grab Josef Kohouts auf dem Baumgartner Friedhof. Die HOSI Wien hatten den in Wien wohnenden Lebensgefährten Kohouts (die beiden waren fast 40 Jahre zusammen) kontaktiert und vereinbart, dass er auch zum Friedhof kommen würde. So lernte Pierre auch ihn kennen.

Am Abend des 25. Juni 1996 berichtete Pierre dann im HOSI-Zentrum über sein Leben, seine erschütternden Erlebnisse während des Kriegs. Bei diesem Zeitzeugengespräch signierte Pierre auch sein Buch – die französische Ausgabe, denn die deutsche Übersetzung lag zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor.

Weitere Schicksalsschläge

Nachdem ihn die Strapazen seiner Wien-Reise 2001 sehr erschöpft hatten, war ihm klar, dass er seine Vortragstätigkeit in Hinkunft einschränken musste und daher viele Einladungen nicht mehr annehmen konnte. Am 21. September 2001 ereilte ihn ein weiteres Unglück: In Toulouse flog die Chemiefabrik AZF in die Luft, was Frankreichs größte Industriekatastrophe nach 1945 auslöste. 30 Tote und über 2500 Verletzte waren zu beklagen. Bei mehr als 15.000 Wohnungen in der Stadt waren die Fenster durch die Explosion zerstört worden. Auch Pierre zählte monatelang zu den „sans-fenêtres“, den „Fensterlosen“, wie sie bald im Volksmund in Anlehnung an die „sans-abri“, die Obdachlosen, genannt wurden, und konnte nur einen Teil seiner kleinen Gemeindewohnung bewohnen.

Anfang 2005 musste sich Pierre einer Krebsoperation unterziehen, von der er sich nicht mehr wirklich erholte. In der Nacht vom 24. zum 25. November entschlief Pierre sanft und friedlich, ohne Schmerzen zu leiden, wie sein langjähriger Gefährte Éric Feliu berichtet, der sich all die Jahre um Pierre gekümmert und ihn liebevoll betreut und gepflegt hat.

Die HOSI Wien blieb all die Jahre mit Pierre Seel in Kontakt.

Pierre Seel wurde am 28. November auf dem Dorffriedhof von Bram in der Nähe von Carcassonne zur letzten Ruhe gebettet.

Zur Verfolgung von Lesben und Schwulen in der Nazi-Zeit siehe auch die Internet-Ausstellung der HOSI Wien:„Aus dem Leben“.

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