Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien

1. Lesben- und Schwulenverband Österreichs


Perfides „Outing“

Kommentar von Samo Kobenter

Was für alle Menschen gilt, muss auch für Politiker gelten: Ihre sexuellen Präferenzen sind Privatangelegenheit und sollten es bleiben, solange sie das Strafrecht nicht berühren. Und selbst wenn, wäre von Fall zu Fall zu entscheiden, was der Öffentlichkeit und den direkt Betroffenen an Publizität zumutbar ist.
Das muss selbstverständlich auch für Jörg Haider gelten. "Jörg ist schwul" – na und? Erstens wäre das, wenn es so wäre, völlig unwesentlich und ginge bestenfalls ihn, seine Familie und seine Partner etwas an. Zweitens hätte das überhaupt nichts mit dem zu tun, was man am Politiker Haider schätzt oder ablehnt. Und nur das, seine Politik, kann wohl Gegenstand ernst zu nehmender öffentlicher Auseinandersetzung sein.
Es hieße leeres Stroh zu dreschen, nun lange über die Privatisierung der Politik oder die dazugehörige Umkehrprobe zu jammern. Die Schwulenszene wirbt mit einer Plakatserie für eine Veranstaltungsreihe, in der Regierungspolitiker, um den entsprechenden Jargon zu bemühen, "verarscht" werden. Wer will, kann "Franz ist eine Heulsuse" auch witzig finden und ein wenig über die damit thematisierte sprachimmanente Schwulenfeindlichkeit philosophieren. Mit dem eingangs erwähnten Satz, der ebenfalls in dieser Serie plakatiert wird, verschieben sich nicht nur die Begriffe. Er ist minderheiten- und menschenfeindlich, wenn man sich darauf einigen kann, dass Homosexuelle eine Minderheit sind und Jörg Haider ein Mensch ist.
Der Satz ist perfid, weil er die verbreitete Ablehnung einer sexuellen Ausrichtung, die Haider ohne Beweis seit Jahren unterstellt wird, gegen ihn richtet. So reicht die Diffamierung der Diskriminierung helfend die Hand – nicht auf politischer, sondern auf sexueller Ebene. Wer gegen den Politiker kein Mittel hat, sollte sich nicht an der Privatperson ausleben. Besser gesagt: mit ihrer Hilfe die eigene Verklemmung ausschwitzen.

© DER STANDARD, 27. März 2000

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