Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien

1. Lesben- und Schwulenverband Österreichs


Elfriede Jelinek spielt mit alten Vorurteilen gegen Homoerotik

von Alan Posener

Elfriede Jelinek ist mit einer Kritik an Jörg Haider hervorgetreten, die auch dann einer Würdigung bedarf, wenn sich der Angesprochene vorübergehend aus der Schusslinie zurückgezogen hat. Haider sei der „Führer eines homoerotischen Männerbundes“, so die österreichische Erfolgsschriftstellerin. Wie Hitler arbeite Haider „bewusst mit homophilen Codes“, zum Beispiel mit einem ausgeprägten Körperkult und seiner sexuellen Ambivalenz: „Er kann Mann und Frau sein. Das gibt ihm das Schillernde, das die Massen einfängt.“

Was will uns die Autorin damit sagen? Sicher kann bei einem männlichen Massenidol das sexuell Changierende ein wesentliches Moment der Faszination sein; das ist nirgends deutlicher als im Showgeschäft, man denke an Elvis Presley oder Michael Jackson. Da zur Politik auch der Personenkult gehört, ist hier eine gewisse Zweideutigkeit ebenfalls von Vorteil: Sowohl Roosevelt als auch Kennedy wurden feminine Eigenschaften und eine homoerotische Anziehungskraft attestiert. Das Feminine an Hitler wurde bereits von Zeitgenossen wie Curzio Malaparte und Otto Strasser bemerkt. Carl von Ossietzky schimpfte Hitler sogar eine „feige, weibische Pyjamaexistenz“ – und an diesem Punkt wird die Kritik problematisch. Nicht wegen der Unterschätzung Hitlers, sondern wegen der unterstellten Gleichsetzung von feige, weibisch und homosexuell, bei der sich Homophobie und Misogynie die Hand reichen. Hier treffen sich Ossietzky und Jelinek. Eine verwandte Geisteshaltung beweist auch die Theologin Ute Ranke-Heinemann, für die der Vatikan „eine entsexualisierte Homosexuellen-Gesellschaft“ darstellt.

Was Jelinek und Ranke-Heinemann eint, ist die Bereitschaft, Konventionen der politischen Korrektheit sofort über Bord zu werfen und den eigenen Vorurteilen freien Lauf zu lassen, wenn es gegen die Rechte geht. Am Ende wird aber nicht der Gegner geschwächt, sondern nur das Vorurteil bestärkt und als Waffe legitimiert, zum Schaden der politischen Liberalität. Ähnlich erging es dem Versuch, Hitler einen jüdischen Großvater zu unterstellen: Am Ende waren die Juden also doch an allem schuld. Eine Variante, die beide Muster vereinigt, finden wir in einem 1994 erschienenen „Psychogramm“ Hitlers von Hans Jürgen Eitner: „Die feminin bestimmte Künstlernatur Hitlers begegnet sich … mit dem Judentum: Unter Juden gibt es auch verhältnismäßig häufig feminine Männer…“

Die Welt (Hamburg), 2. März 2000

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